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Die Kunst des Schreibens
Die Kunst des Schreibens

Die Kunst des Schreibens

Am Anfang ist das weiße Blatt. Unbeschrieben und böse, mit langen Zähnen. Es macht dir Angst. Es verhöhnt dich. Schreib ruhig was drauf auf mich, schreit es. Wirst schon sehen. Und schon fällt dir nichts mehr ein.

Dabei schreibst du jeden Tag. E-Mails, Notizen, Memos, vielleicht noch Briefe. Silben, Worte, Sätze, die andere lesen. Und mitreden. Das hätte ich aber anders gemacht. Hier gehört noch ein … Sie sollten doch einmal … Nein, so geht das nicht.

So geht’s auch nicht. In keiner anderen Kunst traut sich wer, sich hinter den Künstler zu stellen und ihm dreinzureden. Einem Maler zu sagen, dort in der Ecke hätte ich aber ein Rot verwendet. Einem Komponisten zu raten, es bei der Ouvertüre lieber in Moll zu probieren. Einem Bildhauer den Meißel aus der Hand zu nehmen und seinem David die Rübe abzuschlagen. Beim Schreiben kennt man keinen Genierer. Solange es um die Texte anderer geht.

Bei den eigenen ist man gehemmt. Wofür es eigentlich keinen Grund gibt. Hemingway hatte nichts, was du nicht hast, außer vielleicht vier Ehefrauen.

 

Es gibt Texte, da verstehst du jedes Wort, du weißt bloß nicht, was es auf Deutsch heißt. Es wimmelt darin von abstrakten Worthülsen, von Buchstaben umhüllten Luftblasen, obergescheiten Überbegriffen, nichtssagenden Umschreibungen, bedeutungslosen Dachformulierungen und exaltierten Fremdwörtern.

So was macht einen Text nicht sympathisch. Im Gegenteil. Der Leser kämpft mit ihm wie mit einem intellektuellen Gorilla und weiß am Schluss trotzdem nicht, was ihm der Autor mit diesen Worten sagen wollte.

Schlichte Worte sind die kleinen Kraftwerke, die deinen Text mit Energie versorgen. Sie sind nur einen Buchstaben von schlecht entfernt und doch so weit weg davon. Denn schlicht ist nicht zu verwechseln mit banal. Wenn etwas banal ist, liegt es nicht an den schlichten Worten, sondern am Inhalt, den sie transportieren. Eben am Gedanken.

 

Der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv, sagt man, ist der Unterschied zwischen Leben und Tod. Bei einem Text im Aktiv tut sich etwas, bei einem Text im Passiv wird etwas getan. Die Beschreibung einer Szene in einem Actionfilm sähe im Passiv so aus: James Bond wurde von der Blondine in die Arme genommen, er wurde kurz abgelenkt, bis der Raum von Terroristen gestürmt wurde. Ihm wurde ein
Revolver angesetzt, und dann wurde abgedrückt. Von ihm wurde nur ein Klicken wahrgenommen.

Da kommt Spannung auf.

 

Am Anfang ist die Verzweiflung. Tief drinnen sitzt sie und knabbert. An deinem logischen Denkvermögen, an deinem Willen, an deinem Selbstvertrauen. Nur an dem Berg von Informationen, die du zu deinem Thema hast, knabbert sie nicht. Der wird immer größer.

Dabei grübelst du jeden Tag. Über erste Sätze, über den roten Faden, über das, was du sagen musst, über das, was du weglassen könntest. Jessas, das habe ich ganz vergessen … Wen interessiert das überhaupt … Nein, so geht das nicht.

So geht’s auch nicht. In keiner anderen Kunst ist es so wichtig, an andere zu denken. An die Leser. Ein Maler sagt, wenn die Banausen da draußen mein Bild nicht verstehen, sind sie selber schuld. Ein Komponist sagt, wenn die Derrischen nicht heraushören, was ich da hineingelegt habe, sollen sie sich das Trommelfell über die Ohren ziehen. Ein Bildhauer sagt, wenn die Ignoranten nicht begreifen, was ich aus diesem Stein gemacht habe, soll sie der Meißel treffen. Einem Schreiber steht diese Exzentrik nicht zu. Er braucht die Leser. Und er muss so schreiben, dass sie ihm folgen können.

 

Am Anfang ist der Übermut. Ausgelassen und zügellos, kaum zu bändigen. Er verführt dich. Er stachelt dich auf. Komm, trau dich doch. Schreib ruhig hin, was dir in den Fingern brennt. Und schon ist es passiert.

Dabei schaut es noch so gut aus. Flockige Formulierungen, knackige Konstruktionen, wilde Wortspiele. Die nicht jedem einfallen. Die aber vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann. Eigentlich weiß ich jetzt selber nicht mehr … Was hab ich mir denn da überhaupt … Nein, so geht das nicht.

So geht’s auch nicht. In keiner anderen Kunst kann man so leicht übers Ziel hinaus schießen wie beim Schreiben. Ein Maler sagt sich eher, das Grün-Gelb-Lila ist doch ein bissel dick aufgetragen. Ein Komponist sagt sich früher, haltaus, das Rondo ist jetzt schon eine Kakophonie. Der Bildhauer sagt sich bald einmal, wenn ich so weiter tu, hab ich in einer Stunde nur mehr einen Kiesel übrig. Der Autor freut sich über jedes Wort, das er verdreht hat, die Haxen aus. Und kommt jahrelang nicht drauf, dass es zuviel des Guten war.

 

Der Trick ist, aus dem Wortschatz zu schöpfen, den das Thema vorgibt. Wenn du zum Beispiel übers Essen schreibst, überlege dir Worte, Phrasen und Formulierungen, die mit Essen, Kochen und Genießen zu tun haben.

Wir reden also nicht von einem Jargon im Sinne von Truman Capote, der sagte: »Slang ist der durchgescheuerte Hosenboden der Sprache.« Wir meinen nicht den Slang, an dem man eine bestimmte Szene oder ein Milieu erkennt, oder der Fachsprache einer spezielle Berufsgruppe. Wir reden davon, deine Worte dem Thema anzupassen und sie zu Sprachkomplizen zu machen.

 

Zwischen den Zeilen zu schreiben, ist eine der schwierigsten Künste im Umgang mit der Sprache. Es zeigt nur den Ausschnitt eines Bildes. Es ist, als hättest du dir vorgenommen, ein Loch zu schreiben. Ein Loch ins Nichts. Denn noch hat es keine Materie – keinen Text – um sich, aus dem seine Ränder bestehen werden. Was ist das Wesen eines Loches? Kurt Tucholsky sagt: »Ein Loch allein kommt nicht vor.« Es entsteht nur durch das, was rundherum ist. In deinem Fall ist rundherum das, was du sagen willst, sollst, darfst. Der Inhalt des Loches ist zwischen deinen Zeilen zu finden. Du musst nur wissen, was dort stehen soll.

Zum Beispiel etwas, das zu heikel ist, um geradeheraus gesagt zu werden. Oder zu peinlich, zu schrecklich, zu kitischig, zu anrüchig, zu platt, zu beleidigend. All das kann man wunderbar so zwischen den Zeilen verstecken, dass der Leser es auf jeden Fall findet. Es ist, als müsste man an der Zensur vorbeischreiben.

Für das Versteck-Spiel brauchst du kein Schwert, sondern die feine Klinge. Es hat natürlich was mit Ironie zu tun. Und der Grat zwischen Schmunzeln und Penetranz ist ganz schmal. Leser, die den feinen Spott nicht mitgekriegt haben, sollen sich trotzdem wohl fühlen und das Gefühl bekommen, alles verstanden zu haben.

Johannesweg
Johannesweg

Johannes Neuhofer – Johannesweg

Angekommen.

Eigentlich könnte ich das Buch damit schon beenden. Mit dem Wort ist alles gesagt. Wer angekommen ist, ist dort, wo er hin wollte im Leben. Er hat seinen Platz gefunden. Er ist daheim. Er ist bei sich. Umgeben von Menschen, mit denen er alt werden möchte. Angekommen. Fertig.

Im Verlag hat man mir gesagt, dass das so nicht geht. Das genügt nicht für ein Buch, Herr Doktor, haben sie gesagt, Sie als Hautarzt wissen das vielleicht nicht, ist ja nicht direkt Ihr Metier. Aber Autoren arbeiten nicht so.

Das hat mich schon stutzig gemacht. Aber dann ist mir ein polnischer Autor eingefallen, Stanislaw Lec hat er geheißen. Und er hat gesagt: »Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller.« Das hat mir eingeleuchtet, man soll von den Guten lernen.

Wobei es so gar nicht mein Ehrgeiz ist, mich als Schriftsteller hervorzutun. Ich möchte nur in Worte fassen, worauf es mir ankommt.

Und das ist: ankommen.

 

Der Johannesweg ist die österreichische Antwort auf den Jakobsweg. Es ist kein Ausstieg, es ist ein Einlenken. Sechsundsechzig Kilometer lang schlängelt sich der Weg durch ein paar der sehenswertesten Gegenden des Landes und führt ans Licht. Das Symbol des Lichts in der Pflanzenwelt ist die weiße Lilie. Deshalb wurde die Strecke nach der Form ihrer Blüte abgesteckt. Würde jemand den Johannesweg vom Himmel aus betrachten, läge eine riesige Lilie unter ihm.

Um miteinander etwas zu bewirken, habe ich einen Verein zum Johannesweg gegründet. Wer ihm beitreten will, hilft nicht nur sich selbst auf seinem Weg in ein gesundes Morgen, sondern auch anderen. Mit dem Mitgliedsbeitrag werden bedürftige und behinderte Menschen unterstützt. Das ist der Zweck dieser Gemeinschaft.

Wer im Unterholz des Johanneswegs nach esoterischem Kleinod suchen will, wird mit Sicherheit enttäuscht sein. Mit Esoterik kann und will ich nicht aufwarten. Meine Absicht ist es nicht, andere von dem zu überzeugen, wovon ich überzeugt bin. Schlimmer, ich habe gar keine Absicht. Ich hatte nur eine Idee. Und leiste mir den Luxus einer Vision. Mit erhobenem Zeigefinger kann man mit niemandem Hand in Hand gehen. Schon gar nicht auf dem Johannesweg.

Ich lade jeden ein, mich zu begleiten. Ich freue mich über alle, die mitkommen. Ich wünsche jedem, dass er ankommt. Am Ziel seines Johanneswegs.

 

Franz Kafka hat einmal gemeint, bevor er so richtig lungenkrank wurde. »Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld.«
 Wenn der Kafka das sagt, kann man schon ein bisschen an der Ungeduld arbeiten, damit da auch was weitergeht. Der Volksmund nennt das sich in Geduld üben. Hört sich ziemlich einfach an, wirst du jetzt denken. Etwa so, als würde man einem Choleriker raten: Du, Hans, ich weiß da eine super Lösung, wie du den Blutdruck senkst: Reg dich einfach nicht so viel auf.

Ambros
Ambros

Wolfgang Ambros – Die Biografie

Katzen haben sieben Leben. Ich habe offenbar zwölf. Ich bin fast in einer Regentonne ersoffen, ich hab mich ums Haar mit Tollkirschen vergiftet, mich hat’s mit dem Roller zerfetzt, ich bin beinah an der Malaria krepiert, mich hat’s von der Leiter gewixt, ich hab mich mit dem Auto überschlagen, mich hat’s von einem Denkmal runtergehaut, ich bin mit dem Motorboot auf einen Felsen gekracht, mich hat’s mit den Skiern zerrissen, ich habe den Krebs besiegt, ich hab mich verbrannt, und dann hab ich mich in die Luft gesprengt.

 

Ohne jede Warnung hat damals ein neuer Tag angefangen. Und egal, ob ich traurig war oder froh, es waren gute Tage. Darunter sogar einige der besten, die ich als Sänger je erleben durfte. Wir spielten in der Wiener Stadthalle, dreimal hintereinander und dreimal hintereinander vor ausverkauftem Haus. Die Halle war besetzt bis auf den letzten Platz. Es ist ein Unterschied, ob du vor fünfzehntausend Leuten bei einem Festival spielst, wo auch andere auftreten, oder ob du allein vor einer vollen Stadthalle stehst. Wenn man mir da eine Kamera vor die Nase gehalten hat, konnte ich schon ungemütlich werden. Ich flippe sonst nie vor einem Auftritt, aber wenn ich dort gespielt habe, war ich hochgradig nervös. 1984 ist mir wirklich die Muffen gegangen.

Zehn Minuten noch bis ich hinaus muss. Ich richte mir mein Blouson, man sieht den Abdruck der schweißnassen Hand auf dem hellen Lila. Ich muss gehen, wenn ich jetzt stehen bleibe, bringt mich nichts mehr da raus. Es kommt wer auf mich zu, wo soll ich mich denn noch hinstellen, damit mich keiner anredet. Jetzt fangen sie an zu klatschen. Gleich werden sie Woefaaal schreien. Ich wollt, es wär schon vorbei.

»Wolfgang, es ist Zeit.«

Die Band kommt mir entgegen und schiebt mich vor sich her.

Über die Stufen, es gibt kein Zurück.

Der Applaus macht mich taub.

Und jetzt muss ich gut sein, so gut wie ich nur kann. Alles andere zählt nicht. Das erste Lied, das nächste. Und weiter, immer weiter. Was jetzt? A großes Werk. Der Scheinwerfer blendet mich. Es ist stockdunkel vor mir, ein riesiges, schwarzes Loch.

Waunn’s unhamlich spät in der Nocht is,
waunn olles schloft und nur du mehr woch bist,
waunn’st da dei Hirn zermarterst und zerfetzt,
und plötzlich draufkummst, du host di grenzenlos überschätzt,
daunn host das gschofft …

In dem riesigen, schwarzen Loch vor mir glimmt Licht auf. Eins. Hunderte. Tausende. Wie Glühwürmchen gehen die Feuerzeuge an. Ein Meer von winzigen, warmen Flammen.

… daunn host wos gmocht,
daunn host a großes Werk vollbrocht!
daunn host das gschofft, daunn host wos gmocht,
daunn host a großes Werk vollbrocht!

Ich sehe die Glanzlichter von Anerkennung. Ich bade darin und spüre es nicht. Wenn ich allein daheim im Bett liege, dann erst wird diese Welle des Glücks durch mich durchgehen. Dann bekomme ich meinen Lohn. Ich habe es geschafft. Die Genugtuung kommt in aller Stille.

»Jessas, ist das schön«, sagte ich zu siebentausend Menschen. »Danke.«

Layout 1
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Reinhold Gmeinbauer – Bestseller

Als ich im November 1963 in Sankt Marein auf die Welt kam, war Lee Harvey Oswald gerade in Dallas und brachte den amerikanischen Präsidenten um. Zumindest glaubte man das damals. Die tödliche Kugel traf John F. Kennedy in den Kopf. Und die Welt hielt den Atem an.

Ich nicht. Ich schrie, so wie steirische Säuglinge halt schreien. Nicht anzunehmen, dass Kennedys Tod und meine Geburt in irgendeinem Zusammenhang stehen. Aber bei uns daheim hat man schon gesagt, sapperlot, der Bub ist da, und der Kennedy wird ermordet.

 

Ich habe einen Milchwagen gesehen. Toll, wird man sich jetzt denken, zuerst erscheint ihm die Familienministerin, dann sieht er einen Milchwagen, ist zu beneiden der Bursche. Ich sage Ihnen was: Jeder ist zu beneiden, der alles, was rund um ihn passiert, im Job zu nutzen versteht.

Also, nicht dass jetzt wer glaubt: Nur ein Verkäufer, der Halluzinationen hat, ist ein guter Verkäufer, nur jemand, der Stimmen hört, ist ein Ass auf seinem Gebiet. Mein Rat ist viel banaler: Haltet Augen und Ohren offen für die Nebensachen des Alltags, man weiß nie, wofür man sie brauchen kann. Die Frau Minister war Auslöser für eine Verkaufsidee. Der Milchwagen war mir ein Zeichen.

Ein gutes Omen für ein Projekt mit Namen Schatz und Schicksal.

Wollen Sie ein Himbeerwasser?, hat er mich gefragt und mir schon das Glas hingehalten. Sah aus wie ein blutarmer Chianti. Auch gut, habe ich mir gedacht, ein wunderschönes Büro mit Blick in den Burggarten, ein kultivierter, angenehmer, äußerst sympathischer Mensch, trinkt halt gern Himbeerwasser. Man lernt nie aus in dem Job.

Es war mein erster Auftritt mit Bundestheatergeneral Georg Springer. Ich war bei ihm wegen der Österreicher des Jahres, der Gala, die die Presse jedes Jahr veranstaltet, und wir ließen es uns schmecken, das Himbeerwasser. Ob man das mag oder nicht, das nimmt man halt. Ist nie ganz unklug, sich bei einem Geschäftstermin nach dem Geschmack des Kunden zu richten. Außer man ist Vegetarier und der Kunde bestellt ein Schnitzel. Kann man auch nicht sagen: nur die Panier bitte.

 

SCHAU SCHAU

Normalerweise sieht man sie nicht, die Vergangenheit. Man hat sie erlebt, man erinnert sich an sie. Aber man sieht sie nie als Ganzes. Sondern in einzelnen Bildern, als Kurzfilm, wie ein geistiges Daumenkino. Oder nur schemenhaft. Und unscharf. So was macht einen Optiker narrisch, wenn ich das so sagen darf.

Dagegen lässt sich allerdings was tun. Wenn Sie sich hier vielleicht kurz hersetzen. Ich möchte Ihnen eine Brille zeigen, es ist eine ganz besondere. Mit ihr kann man die Vergangenheit sichtbar machen. Also, zumindest einmal meine, das Modell ist noch nicht ganz ausgereift. Aber womöglich interessieren Sie sich ja dafür, was bei mir so los war in den vergangenen dreißig Jahren. Ich darf Ihnen diese besondere Brille einfach aufsetzen. Ja. Passt. Warten Sie, der Bügel gehört noch ein bissel korrigiert. So. Perfekt. Und wenn Sie jetzt da nach vorne schauen, dann sehen Sie zurück.

Karlheinz Hackl_Meine zwei Leben
Karlheinz Hackl_Meine zwei Leben

Karlheinz Hackl – Meine zwei Leben

In der Eden habe ich ihr einen Antrag gemacht. War ein guter Platz dafür, die Eden-Bar. Dort hab ich einmal eine Schlägerei gehabt. Mit dem Georg Springer. Wir waren beide schon ziemlich angesäuselt, und er hat mich beleidigt. Ich bin ja kein sehr streitbarer Mensch, aber da hab ich ihn schon gefragt, ob ich ihm eine in die Goschen hauen soll.

Bitte, hat er gesagt, bitte, hau her, und hat mir sein Gesicht hingehalten. Da hau her, hat er gesagt, und immer wieder auf seine Wange gezeigt. Hab ich halt hingehaut. In dem Moment ist seine Frau von der Toilette gekommen, diese enge, schmale Stiege rauf, und hat uns gesehen, ist dazwischen gegangen und hat mir ihr Handtascherl über den Schädel gezogen, dass ich Sterne gesehen hab, ich hab wild herumgefuchtelt, sie erwischt und ihr einen Rempler gegeben, dass sie die Stiegen wieder runtergeflogen ist, entsetzlich. Ist aber nix passiert, sie hat sich abgebeutelt, und dann sind schon die Leute gekommen und haben uns festgehalten, bis eine Ruh war.

Wie ich am nächsten Tag wieder nüchtern war, hab ich mich fürchterlich geniert und befürchtet, dass das alles in der Zeitung stehen könnte. Das wollte ich nicht, wegen meinem Vater und so. Ich hab dem Sprenger seiner Frau Blumen geschickt und mich bei ihm entschuldigt. Er hat sich auch fürchterlich geniert und befürchtet, dass alles in der Zeitung steht. Das wollte er nicht wegen seinem Ruf und so. Er hat sich auch bei mir entschuldigt, und sie hat die Blumen genommen. War schon lustig in der Eden. Das ist genau richtig, hab ich mir gedacht, da mach ich der Maria den Heiratsantrag.

Ich hab mir halt gedacht, dass dieses Beispiel was auslösen würde in den Menschen. Dass man sagt, es hat einen Sinn, weiterzumachen. Auch für die Verwandten. Wenn ein Mensch krank ist, werden ja viele Leute krank. Das muss ja irgendeinen Sinn haben, ein Ziel. Sonst bricht schreckliche Hoffnungslosigkeit aus.

Meine zwei Leben sollen Mut machen. Wenn einer geschafft hat, das zu überleben, können das auch andere schaffen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der einer, der krank ist oder krank war, einen Stempel aufgedrückt kriegt. Er ist punziert. Ich weiß das von mir. Man wird diskriminiert wegen der Krankheit. Sozusagen: Der bringt’s nicht mehr, mit dem kannst nicht mehr rechnen, der ist nimmer mehr das, was er war.

Und man zweifelt ohnehin so oft an sich, auch wenn man gesund ist. Ich kenne dieses Zweifeln. Bei mir war das immer besonders stark. Ich habe mir nie leicht getan, mich selber richtig zu beurteilen. Die eigene Einschätzung als Schauspieler hat mir großteils gefehlt. Wo andere gesagt haben: Das war großartig, hab ich mir gedacht: um Gottes willen. Ich habe sie irgendwann zur Kenntnis genommen, diese falsche Einschätzung. Die Johanna Matz hat einmal über mich gesagt: Der Hackl ist ein Schnitzlerschauspieler, weil er ist so ein Feiner. Ab da war ich ein Schnitzlertyp und hab mich in dem Genre nie zu Hause gefühlt. Nie. Das ist komisch.

Das Schreibseminar
Das Schreibseminar

Das Schreibseminar

Verben hauchen jedem Text Leben ein. Sie reden und spielen mit dem Leser, Sie wecken ihn auf und regen ihn an, sie verblüffen oder verstören, begeistern oder erschrecken, verführen oder beeindrucken.

Verben sind die beste Erfindung, seit es Buchstaben gibt. Früher nannte man sie Tätigkeitsworte, und genau darin liegt ihr Geheimnis. Sie tun was. Sie lassen etwas passieren. Sie treiben etwas voran. Sie bewegen.

Untersuchungen haben etwas Interessantes ergeben: Überfliegt man einen Text, ohne ihn noch genau zu lesen, nimmt das Unterbewusstsein Verben sehr wohlwollend auf. Insbesondere die, die am Ende eines Absatzes stehen. Findet sich dort ein kraftvolles Zeitwort wie lieben, fühlen, töten, dann macht das Lust zu lesen. Hört ein Absatz mit einem Wort wie wurde oder gar einem wie Bruttosozialprodukt auf, legt man den Text eher wieder aus der Hand.

Der natürliche Feind der Zeitworte sind Ansammlungen unnötiger Hauptworte. Also Hauptwortkonstruktionen, die umständlicher sind als ein einfaches Zeitwort. Etwas wirkt, ist in den meisten Fällen stärker als: etwas übt eine Wirkung aus. Etwas scheint, ist in den meisten Fällen klarer als: etwas hat den Anschein. Etwas schmeckt, ist in den meisten Fällen geschmackvoller als: etwas hat den Geschmack von.

Hauptwortkonstruktionen sind jetzt nicht so kompliziert, dass man sie gar nicht versteht. Aber sie machen einen Text künstlich länger und sind daher entbehrlich. Jedes Wort in seiner Grundform ist stärker als seine Ableitungen. Du kannst sie dir vorstellen wie Schlaglöcher, über die der Leser stolpert auf seinem Weg zum leichten Verständnis.

»Und das ist jetzt keine Hauptwortkonstruktion, oder wie?«

»Was?«

»Der Weg zum leichten Verständnis.«

»Ups. Na ja, aber in dem Fall …«

»… passt’s halt. So ist das mit der deutschen Sprache. Beim Reden geht’s ja, aber beim Schreiben …«

»Und da haben wir gleich das nächste Problem.«

Nämlich: beim Reden, beim Schreiben. Ein Verb zum Substantiv zu machen, ist ein kleines Verbrechen. Da hat man einmal ein wunderbares Zeitwort, mit dem sich was bewegen ließe, und dann entscheidet man sich für – das Stoppen.

Ganz was anderes ist es mit Adjektiven, die man zum Hauptwort umwidmet. Das ist nichts Herkömmliches, sondern was Schönes. Was Freundliches. Was Ungewöhnliches. Was Frisches. Was Feines.

 

Das schlechte Beispiel

Die Kosmopolitin wählte Wien als Ort ihrer Niederlassung. Das Interieur ihrer Mietwohnung erzählt Reisegeschichten, denn die Globetrotterin nimmt gerne Devotionalien von den Destinationen mit, die sie aus Inspirationsgründen immer wieder heimsucht.

Das gute Beispiel

Sie reist, um sich inspirieren zu lassen. Sie hatte die ganze Welt gesehen. Dann suchte sie einen Ort, an dem sie leben wollte, mietete eine Wohung in Wien und füllte sie mit ihren Mitbringseln, von denen jedes eine Geschichte erzählt.

 

Also.

Schreibe lebendig.

Lass Zeitworte wirken.

Vermeide Hauptwortkonstruktionen.

 

• Je mehr Verben du verwendest, desto weniger sperrig liest sich dein Text.

• Je weniger Hauptwortkonstruktionen du verwendest, desto flüssiger liest sich dein Text.

• Beschäftige nicht das Hirn deiner Leser, triff sie ins Herz.

• Bewege etwas mit deinen Worten, im besten Fall den Leser.

• Nimm deinem Text nicht im Voraus die Spannung.

 

Auf die Art arbeitest du wie Woody Allen:

»Das Schwierigste am Leben ist es, Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten.«

 

Tipps aus der Praxis:

> Zähle die Verben in deinem Text und füge noch einmal so viele dazu.

> Keine Angst vor Hilfszeitworten: Haben, wollen, müssen, dürfen, können, sein sind starke Verben. Lass sie für dich arbeiten.

> Rückbezügliche Verben wie sich befinden oder sich belaufen auf sind meistens fad und statisch. Schau, ob du um sie herumkommst.

> Reiße mehrsilbige Verben wie feststellen nicht allzu weit auseinander. Zum Beispiel: Ich stellte zu meiner übergroßen Überraschung erst unlängst wieder einmal mit nie von mir erwartetem Eifer fest … Zu lange Einschübe solltest du ohnehin überdenken.

> Auch manche Zeitworte können einen formelleren Charakter in deinen Text zaubern. Schauen liest sich zum Beispiel lockerer als blicken, gehen ist leichtfüßiger als schreiten. Orientiere dich einfach daran, wie du sprichst.

> Gib deinen Worten nicht zuviel Würde: Ich würde sagen, ich würde meinen, ich würde glauben. Also was jetzt, Burschen?

> Was Auge und Ohr, Nase, Mund und Haut wahrnehmen, kannst du nur vermitteln, wenn du dich an Auge, Ohr, Nase, Mund und Haut deines Lesers wendest.

Klaus Eberhartinger_Sex Lachs
Klaus Eberhartinger_Sex Lachs

Klaus Eberhartinger – Sex, Lachs & Rock ‘n’ Roll

Das erste, an das ich mich bewusst richtig erinnern kann, sind die Flügelhaubenschwestern. Ich weiß nicht, wer die Tracht entworfen hat, wahrscheinlich einer, der Kinder nicht mag. Ich kann das beurteilen, weil ich war ein Kind. Ich war in einem Kindergarten mit Flügelhaubenschwestern. Ich seh sie heute noch vor mir.

Es war so wie bei Engeln. Flügel am Kopf, die aufsteigen, gegen den Himmel, mit reinem Herzen. Aber für kleine Kinder ziemlich bös. Man muss sich das einmal vorstellen. Schwarze Gestalten mit weißen Hauben, die flattern. Also, geheuer ist das einem Kind nicht. Und die waren streng. Du hast dir nichts zu Schulden kommen lassen dürfen. Sogar ein Missgeschick war ein Verbrechen vor dem Herrn. Und zur Strafe haben sie dich eingesperrt. Mich haben sie einmal ins Besenkammerl gesteckt, wie ich nur eine Vase fallen hab lassen, unabsichtlich, und schon war ich in Einzelhaft. Im Finstern hab ich mich mit einem Besen unterhalten.

Irgendwie bin ich raus gekommen.

Merke. Wenn dich Flügelhaubenschwestern im Alter von zwei Jahren in ein Besenkammerl sperren, dann hilf dir selbst, weil Gott tut’s nicht.

Gott sorgt dafür, dass die Familie von Gmunden nach St. Wolfgang und von dort nach Braunau übersiedelt. In ein Mietshaus, in der Nähe der Raffinerie, wo der Vater als Direktor arbeitet. Er ist Erdöltechniker, die Mutter Hausfrau.

 

 

Sagen die: Do you have eggs in Austria?

Sag ich: Well, at least we have chicken.

Sagen die: Do you have refrigerators?

In solchen Situationen hab ich mir immer gedacht, sag einmal, wo bin ich denn da? Und diese ewige Verwechslung Austria und Australia.

Sagen die: How is the Ostriches?

Sag ich: In Österreich haben wir keine Sträuße, in Österreich haben wir Berge.

Sagen die: Ach so.

Sag ich: Was wollts denn noch wissen?

Sagen die: Österreich ist doch kommunistisch.

Sag ich: Nein. Neben uns ist Ungarn, das ist kommunistisch. Und wir sind das letzte Zipferl da. Und früher waren wir ganz groß und haben einen Kaiser gehabt.

Und das hab ich ihnen alles immer wieder erklären müssen. Das ist mir so auf die Nerven gegangen, dass mich bei meiner großen Schlussrede vor diesem Studentenauditorium der Hafer gestochen hat. Fünfzehn Minuten hab ich geredet. Über den österreichischen Bergstrauß.

Sag ich. Today I am gonna tell you the story about the famous Austrian mountain ostrich. Ganz selten, hat rot-weiß-rotes Gefieder, in der Mitte weiß und zwei rote Flügel, die aber auch zwei weiße Spitzen haben. Ist also rot-weiß-rot gestreift, der österreichische Bergstrauß, und kurz vorm Aussterben. Weil das Besondere an ihm ist, dass eine Generation den Berg hinauf wandert, dort ein Ei legt, die nächste Generation runterwandert, dort ein Ei legt und so weiter. Deswegen werden die abwechselnd mit einem kurzen Fuß links und einem kurzen Fuß rechts geboren. Weil die Wanderrichtung ist vorgegeben.

Und die haben mir gebannt zu gehört, bis es zumindest einem im Publikum komisch vorgekommen ist.

Sagt der: Reden wir von Österreich oder Australien? Weil in Österreich gibt es doch gar keine Sträuße.

Sag ich: And this is what I really wanted to tell you. Genau das wollte ich euch schon lang sagen.

Der Redner nach mir, ein Holländer, ist fast weg gebrochen.

Brigitta Sirny-Kampusch_Verzweifelte Jahre
Brigitta Sirny-Kampusch_Verzweifelte Jahre

Brigitta Sirny-Kampusch – Verzweifelte Jahre

Mein Leben in der Hölle begann um halb sechs. Aber das wusste ich damals noch nicht. Der Wecker läutete, genau wie sonst. Ich stand sofort auf, wie immer. Ich ging ins Bad, ich frisierte mich, ich fütterte die Katzen, ich machte Kaffee. Nichts deutete darauf hin, dass dieser 2. März 1998 mein Leben zerstören würde. Und das meiner Tochter. Meiner Tochter Natascha.

Ich bewegte mich nicht mehr nach außen, sondern nach unten. Wie auf einer Wendeltreppe, die mich immer tiefer in mich hinein führte. Ich schlich durch die Wohnung und stieß an meine vier Wände. Die Außenwelt dahinter kannte ich nicht mehr. Ich lebte ums Telefon herum. Dort kamen die Informationen herein. Von der Polizei. Von Verwandten. Von den Journalisten. Tageslicht kannte ich nur durch die Vorhänge. Um an die Luft zu kommen, ging ich auf den Balkon.

Nataschas Zimmer betrat ich nie. Ab und zu stand ich vor ihrer Tür. Ich wusste, wo ihre Puppen lagen, wo ihre grüne Stoffmaus saß, dass genau auf Augenhöhe an der anderen Seite der Tür das Heiligenposter hing. Don Bosco.

Ein paar ihrer Sachen, die im Wäschekorb gelegen waren, hatte ich gewaschen. Sie lagen jetzt noch auf dem Bügelbrett. Ordnung machte mir nicht mehr denselben Sinn wie früher. Ich ließ den Geschirrspüler laufen, ich räumte ihn nicht aus. Man macht wenig Haushaltsarbeit, wenn man keinen Haushalt mehr hat. Man hat keinen Stundenplan, wenn Tag und Nacht nicht mehr stimmen. Ich schlief, wenn mein Körper aufgab. Irgendwann in der Früh. Untertags. Manchmal hatte ich die Augen dabei offen.

Einmal sah ich Natascha. Mami, sagte sie. Mir ist kalt. Ich sah einen Engel, der sie beschützte. Er hatte ihr Gesicht. Es verschwand wieder. Ich konnte auch den Engel nicht halten.

Langsam verlor ich den Verstand. Ich schaute in den Spiegel und sah ein Gespenst. Ich hatte Gewicht verloren. Was wiegt eine Träne?

 

Nur ein kleiner Ruck, dann eine Drehung nach links. Er hob mich hoch, setzte mich sachte wieder ab. Kaum durfte ich den Boden berühren, tanzten wir in die andere Richtung, er wiegte mich in Sicherheit, bremste seine Bewegung und wirbelte mich um seine Achse. Einmal, zweimal, der Kopf blieb ruhig, bis ihn der Körper in die Pirouette mitnahm und er blitzschnell seinen Kreis vollendete. Er ließ mich schweben, einen Augenblick in der Luft stehen, fast als hätte er mich dort vergessen und die Schwerkraft keine Bedeutung mehr. Aber er hielt sich an seine Choreografie, und wir landeten wieder. Erst als wir die Schräge nach unten glitten, verlor der Tanz an Geschmeidigkeit. Der Wagen schlitterte über die Böschung und krachte in die Bäume.

Ich saß eingeklemmt zwischen Vordersitz und Rückbank. Das Auto hing fast senkrecht im Hang, seitlich gehalten von zwei Baumstämmen am Kühler und am Kofferraum, dessen Deckel abgerissen worden war. Die Heckscheibe war zerborsten, quer durch den Innenraum ragte ein Ast, der Günter an der Schläfe gestreift hatte. Blut rann ihm über die Augen. Am Beifahrersitz saß Claudia, unverletzt, wie es schien. Neben mir begann Markus zu weinen. Wir hatten im Fond geschlafen, als der Wagen ins Schleudern gekommen war. Das Ballett war vorbei. Jetzt war es ein Verkehrsunfall mit Personenschaden, so stand es im Polizeiprotokoll.

Falco_Hoch wie nie
Falco_Hoch wie nie

Falco – Hoch wie nie

„Na, mein Freund“, sagt er und hebt die Flasche hoch, um dem Etikette ins Auge zu sehen. Viel ist nicht mehr drin, die Freundschaft mit Jack Daniels hält nie länger als ein paar Stunden.

Träge, wie durch einen Nebel, läßt Hans Hoelzel den Blick unter seinen halbgeöffneten Lider hervor über den staubigen Parkplatz schweifen. Eine grindige Gegend, denkt er, und bleibt an dem Gebäude links von ihm hängen. „Tourist Disco“ steht in großen Lettern über dem Eingang. Hier hat er sich immer mit Freund Jack getroffen, wenn er sonst keine Gesellschaft mehr ertragen konnte. Jack war immer da. Vermutlich wartet er auch jetzt auf ihn.

Allein der Anblick des Lokals im gleißenden Licht des Nachmittags erregt Abscheu in Hans. Die abgefuckte Fassade erinnert ihn an tausend Nächte, nach denen ihn die Helligkeit des längst angebrochenen neuen Tages in die häßliche Realität zurückkatapultiert hat. Wie ein Puff bei Tag, denkt er. Wenn man plötzlich nicht mehr die geringste Ahnung hat, was man sich dort drinnen je erhoffen konnte. Die Vorstellung verbreitet genau den Nachgeschmack in seinem Mund, den solche Nächte zurücklassen: Ekel, Reue, den Vorsatz: nie wieder, und das tiefe Wissen, ihn das nächste Mal wieder nicht einzuhalten.

Wie in Zeitlupe tastet sich sein Blick zur Straße vor. Über die paar ausgedörrten Sträucher am Bankett, deren vor Trockenheit eingerollte Blätter von einer dicken grauen Staubschichte überzogen sind, gleiten seine Gedanken dem Horizont entgegen. Die Luft ist schwer von der Feuchtigkeit, die sie mitschleppt. Irgendwo weit hinten ertrinkt das, was sie hier Wiese nennen, im Dunst. Auf seinem Oberkörper verwandelt sich die Hitze in kleine Rinnsale aus Schweiß, die sich gelangweilt immer denselben Weg über seine Brust bahnen.

Out of the dark. Das weiße Licht kommt näher Stück für Stück. Ja, und warum denn net?

Dann wär’ endlich a Ruah. Auf das wart’ i doch jetzt scho fast zwanzig Jahr’. Was hätt’ i denn zum Verlieren? A Oide? Die hat si grad vertschüßt. A Karriere? Die is eh schon seit Jahren im Arsch.

A Leben?

Na, a scho was. Was is des Leben gegen an starken Abgang? 10.000 Fans am Zentralfriedhof. Der Zilk halt’ a Rede. Alle rotzen. Und am offenen Grab spielen s’ ,It’s  all over now Baby blue’. Na, wunderbar. Des is a G’schicht. Halb acht, Zeit im Bild. Showtime zur Primetime. Des is Showbiz.

Fast bewegungslos sitzt Hans in seinem Pajero. Fasziniert von dem Szenario in seinem Hirn. Den Kopf leicht schief gelegt. Als würde er in ihn hineinhorchen. Und das weiße Licht kommt näher. Stück für Stück.

Die Kassette ist durchgegespielt. Der letzte Ton verklungen. Die Stille undurchdringlich wie eine unsichtbare Wand. Vielleicht ist auch gar nichts dahinter. Aber dieses Nichts ist so friedlich. Ein sicherer Ort.

Hans startet das Auto. Er hat die Augen offen, aber er schaut nicht auf die Straße. Sieht nicht den Bus, der mit Höchstgeschwindigkeit näherkommt. Er blickt in die Zukunft. Und fährt los.

Mitten hinein. In dieses weiße Licht.

24 Fenster Cover
24 Fenster Cover

24 Fenster

Heiliger Bimbam, bin ich spät dran!, dachte er. Jeden Morgen war es dasselbe mit Gabriel. Wenn der Wecker neben seinem Himmelbett läutete, tastete er nach dem Schreihals. Drrrrrrr. Im Halbschlaf drückte er die Schlummertaste, nickte noch einmal ein und schrak dann so auf, dass er aus dem Bett fiel. Obwohl sein Schulweg kurz war, nur von Wolke drei schräg rüber zu Wolke neun, ging es sich nie aus, rechtzeitig in der Schwebenden Klasse zu erscheinen. Das Problem war: Als Engel durfte man nicht einmal fluchen. Schon für ein harmloses Heiliger-Bimbam konnten einem die Flügel gestutzt werden.

Gabriels Lehrer hieß Herr Engelbert. Er hatte welliges, aschweißes Haar, eine brummtiefe Stimme und einen Heiligenschein, der bei den Ohren ein wenig eingedepscht war. Klar, dass ihn die jungen Engel deshalb hänselten. Bei ihnen hieß er nur der Bruchpilot. Herr Engelbert, ein wenig schusselig, hatte tatsächlich schon das eine odere andere Stoppschild übersehen.

»Ah, da ist ja unser Gabriel«, sagte der Bruchpilot. »Welche Ehre, dass du uns heute überhaupt noch beehrst. Der kleine Streich von gestern wird übrigens ein Nachspiel haben.« Herr Engelbert hatte die Angewohnheit, sich hin und wieder am linken Flügel zu kratzen. Ein schlimmer Schüler hatte gestern seinen Lehrersessel mit Juckpulver eingerieben. Herr Engelbert hatte das Gefühl, als wuselten Feuerameisen an seinem Hinterteil, und kratzte sich den ganzen Tag wie verrückt. Der schlimme Schüler war Gabriel gewesen.

»Setzen«, sagte der Lehrer, zwinkerte zweimal, und die Tafel faltete sich von allein auf. »Heute nehmen wir Erste Hilfe durch. Wir Engel haben gewisse Pflichten. Wir helfen den Menschen, wenn sie Gefahr laufen, ins Unglück zu rennen. Da gibt es gewisse Punkte zu beachten.« Wenn es Punkte zu beachten gab, wurde Gabriel immer sehr müde. Er schlief ein.

Währenddessen, auf der Erde: Liz war ein Mädchen von ausgesuchter Schönheit. Elf Jahre und ein Sonnenschein. Als sie die Straße überquerte, um Medikamente für ihre kranke Mutter zu holen, wusste sie nicht, dass sie nur noch neun Sekunden zu leben hatte.

Der Lastwagenfahrer schaute nicht auf die Straße. Er suchte einen anderen Sender im Radio. Der tonnenschwere Laster donnerte also Augen dahin. Hundert Meter vor ihm machte Liz einen Schritt vom Gehsteig auf die Fahrbahn. Sie hatte noch acht Sekunden zu leben. Der Lkw kam näher.

»Gabriel!« Herr Engelbert hatte die Flügel im Zorn ausgebreitet und bäumte sich vor Gabriel auf, der plötzlich sehr wach war. Die Stunde war vorbei, außer ihm war niemand mehr in der Klasse. Der Lehrer hob den Zeigefinger, sein eingedepschter Heiligenschein glühte rotgelb. »Du hast nichts vom Unterricht mitgekriegt. Ich sag dir eines. Du wirst heute nachsitzen und tausendmal schreiben: Ich bin ein schlimmer Engel.«

Vorne an der Tafel schlug die Notfall-Sirene an. Ein Fenster ging auf wie bei einem Computerschirm und zeigte einen Ausschnitt der Erde. Menschenalarm! stand daneben. Lebensgefahr! Ein Countdown wurde rückwärts gezählt. Sechs, fünf, vier. Auf dem Schirm erschien ein Mädchen, das in genau drei Sekunden von einem schwarzen Lastwagen überfahren werden würde.

Gabriel sprang auf, rannte aus der Schwebenden Klasse. Normalerweise mussten Engel beim Fliegen gelbe Sturzhelme tragen, aber dafür war keine Zeit mehr. Zwei Sekunden. Gabriel sprang von der Wolke und schoß im freien Fall zur Erde. Er legte die Flügel an, um noch schneller zu sein. Viel zu spät dran!, dachte er, viel zu spät.

Liz stand mitten auf der Fahrbahn, als der Laster auf sie zuschoss. Der Fahrer sah sie und stieg voll auf die Bremse. Das schwere Fahrzeug schlingerte und schlitterte. Fußgänger rissen die Hände in die Höhe. »Mein Gott«, schrie eine Frau, »das Kind wird überfahren«.

Zwischen dem Lastwagen und Liz war höchstens ein halber Zentimeter. Das Mädchen stand da wie aus dem Asphalt gewachsen. Ich lebe, dachte sie, ich lebe. Eine Sekunde lang hatte sie das Gefühl, dass da wer neben ihr stand. Aber sie sah niemanden. Sie spürte nur einen Luftzug.

Na, bitte, dachte Gabriel, geht sich ja doch immer alles aus.

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Bücher von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

2014: Ich bin jetzt am Johannesweg – Zwölf Geschichten vom Leben mit Johannes Neuhofer (Amalthea)

2013: Die Kunst des Schreibens (Amalthea)

2012: Der Johannesweg – So finden Sie zu Einkehr und Zufriedenheit mit Johannes Neuhofer (Amalthea)

2011: Wolfgang Ambros – Die Biografie (Ueberreuter)

2010: Bestseller – Mein Weg als Verkäufer mit Reinhold Gmeinbauer (Styria Premium)

2009: Karlheinz Hackl – Meine zwei Leben. Ein ziemliches Theater (Ueberreuter)

2008: Das Schreibseminar – Vom Buchstabenchaos zum Sprachkunstwerk (Ueberreuter)

2007: Klaus Eberhartinger – Sex, Lachs und Rock’n'Roll. Wen’s interessiert (Ueberreuter)

2007: Brigitta Sirny-Kampusch – Verzweifelte Jahre. Mein Leben ohne Natascha (Ueberreuter)

2008: Brigitta Sirny-Kampusch – Verzweifelte Jahre (Holländisch, Estnisch) (Arena, Tösilugu)

Plus achtzehn Bücher für die dm edition active beauty (mit Rhea Krcmarova und Helmut Berger): Die Kraft der Sonne. Einfach entspannen. Die Welt der Düfte. Der große Guide zum Frauenlauf. Schön wie die Natur. Das Mehr-vom-Leben-Buch. Zauberwort Anti-Aging. Weihnachten wie im Traum. Alles in Buddha. Der Tag meines Lebens. Wohlgefühl in deiner Haut. Mach mehr aus deinem Typ. Ein Weekend nur für mich. Das große Reinemachen. Wunderwerk Frauenkörper. Entspannen für die ganze Familie. Brainfood.
Und: 24 Fenster, ein Märchenbuch und Adventkalender zum Lesen.


Bücher von Andrea Fehringer

1998: Falco - Hoch wie nie Romanhafte Biografie im Auftrag der Doro (Verlag Krenmayr & Scheriau)
1999: Die größten Pechvögel des Jahrhunderts (Co-Autoren: Gerald Reischl und Clemens Stadlbauer), 23 romanhafte Portraits von Menschen, mit deren Ideen andere reich wurden (Verlag Ueberreuter)
2002: Die Glücksfalle – Erfinder-Schicksale und Ideen-Diebstähle (Co-Autoren: Gerald Reischl und Clemens Stadlbauer), 2. Band der “Pechvögel” (Verlag Ueberreuter)
2002: Der letzte Handyaner – Die besten Handy-Anekdoten und mobilen Pointen (Co-Autoren: Gerald Reischl und Clemens Stadlbauer), eine Sammlung amüsanter Geschichten rund ums Handy (Wirtschaftsverlag Ueberreuter)
2004: 75 Jahre Coca Cola in Österreich (Co-Autor Gerald Reischl) (Echo Verlag)
2005: Voll.Blut.Frau. Eine Roman-Biografie (Eigenverlag Dirnberger)


Bücher von Thomas Köpf

1996: Mörderisches Wien (mit Richard Benda) Kurzgeschichten (Edition Seyrl)
2000: Der Broker (Co-Autor: Harald Gschweidl) Anlagebetrug in der Finanzwelt, ein Insider packt aus (Verlag Ibera)